Das Immunsystem des Körpers ist komplex und stark – aber nicht unfehlbar: Immer wieder gelingt es Krebszellen, sich zu tarnen und der körpereigenen Abwehr unerkannt zu entkommen. Die moderne Immuntherapie mit Checkpoint-Hemmern (Checkpoint-Inhibitoren) oder CAR-T-Zellen (gentechnisch veränderten Immunzellen) richtet sich gezielt gegen solche „Tarn-Mechanismen“. Die neuen Behandlungsmethoden tragen zu einer erweiterten Therapie von zahlreichen Krebsarten wie Hautkrebs, Lungenkrebs, Nierenkrebs oder Blasenkrebs bei. In diesem Artikel erfahren Sie, woher die Idee zur Immuntherapie bei Krebs stammt und wie erfolgreich sie in den vergangenen Jahren war.

Krebs und das Immunsystem

Die Idee, das Immunsystem gegen Krebs zu aktivieren, ist alt. Schon vor über 100 Jahren forschte der Arzt Paul Ehrlich zum menschlichen Abwehrsystem und stellte die These auf, dass es Krebszellen bekämpfen kann. Die Theorien des Mediziners inspirierten wichtige Entwicklungen in der Krebstherapie.

Das Immunsystem

Das menschliche Immunsystem unterteilt sich in zwei Bereiche, die nach unterschiedlichen Prinzipien funktionieren. Die beiden Teile greifen in der Regel erfolgreich ineinander und schützen uns vor vielen Krankheiten.

Das angeborene oder unspezifische Immunsystem reagiert auf alle Krankheitserreger gleich. Zum unspezifischen Immunsystem zählt der Schutz durch Haut und Schleimhäute, die eine Barriere für Erreger bilden. Aber auch bestimmte Abwehrzellen und Eiweiße gehören dazu. Sie können neben Bakterien und Viren auch Krebszellen unschädlich machen: Natürliche Killerzellen beispielsweise erkennen Zellen mit veränderter Oberfläche und lösen sie mithilfe von Zellgiften auf. Der Vorteil des unspezifischen Immunsystems ist, dass es sehr schnell reagieren kann.

Das erworbene oder spezifische Immunsystem wirkt gezielt gegen Krankheitserreger und krankhaft veränderte Zellen. Dabei wirken unter anderem T-Zellen (T-Lymphozyten), B-Zellen (B-Lymphozyten) und Antikörper zusammen. Ihr Zusammenspiel funktioniert wie eine Kaskade, bei der eine Stufe auf die nächste folgt: Bestimmte Zelltypen haben sehr spezielle Aufgaben und rufen mittels biochemischer Reaktionen andere Zellen zu Hilfe, damit die Neuankömmlinge den nächsten Schritt erledigen. Das spezifische Immunsystem reagiert zwar langsamer, aber es hat eine ganz besondere Eigenschaft: Es kann sich Erreger merken und dadurch bei erneutem Kontakt sehr schnell mit gezielten Abwehrreaktionen antworten, bevor die Krankheit entstehen kann.

Die Forschung setzte sowohl beim unspezifischen als auch beim spezifischen Immunsystem an, um eine Immuntherapie gegen Krebs zu finden. In den vergangenen 30 Jahren gelang es Forschenden immer besser, die Antwort des Immunsystems auf Krebszellen zu entschlüsseln, aber bis heute sind nicht alle Details verstanden. Daher waren viele immuntherapeutische Ansätze nicht erfolgreich.

Einen Durchbruch konnte die Krebsimmuntherapie erst in jüngster Zeit erzielen, indem ein Weg gefunden wurde, wie sich die Aktivität von T-Zellen des spezifischen Immunsystems beeinflussen lässt. Wegweisend war die Entdeckung von sogenannten Checkpoints (Kontrollpunkten) durch die Immunforscher Tasuku Honjo und James Allison – wofür sie 2018 den Nobelpreis für Medizin erhielten.

Die Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren (Checkpoint-Hemmern)

Was sind Checkpoints (Kontrollpunkte)?

Die Reaktionen und Abläufe des Immunsystems unterliegen einer sorgfältigen Steuerung. Eine wichtige steuernde Rolle spielen sogenannte Checkpoints. Dabei handelt es sich um Eiweiße (Proteine) auf der Oberfläche von Immunzellen, den T-Lymphozyten. Diese T-Lymphozyten greifen normalerweise schädliche Zellen, auch Tumorzellen, an und vernichten sie. Die Checkpoints regulieren die Aktivität dieser Immunzellen: Über die Checkpoints können Abwehrreaktionen angeregt und wieder gebremst werden. Hemmende Checkpoints können beispielsweise Angriffe von Abwehrzellen auf körpereigene Zellen (Autoimmunreaktionen) verhindern. Manche Krebszellen schaffen es nun, die Checkpoints der Abwehrzellen so zu beeinflussen, dass sie als schädliche Zelle unerkannt bleiben und der Immunabwehr entgehen: Die Immunzellen können die Krebszellen nicht mehr angreifen und beseitigen.

Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren (Checkpoint-Hemmern)

Checkpoint-Hemmer oder Checkpoint-Inhibitoren sind künstliche Antikörper, die sich als Medikamente in der Immuntherapie einsetzen lassen. Sie schalten die hemmenden Checkpoints ab und bewirken so, dass T-Zellen die Krebszellen erkennen, gezielt angreifen und vernichten.

Der erste Wirkstoff dieser Art erhielt 2011 eine Zulassung.

Bisher findet die Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren überwiegend bei Menschen mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen Anwendung. Häufig wird die Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren auch als Kombination mit einer Chemotherapie, einer zielgerichteten Therapie (mit welcher sich die Stoffwechselwege der Krebszellen mittels künstlicher Antikörper blockieren lassen) oder einem anderen Checkpoint-Inhibitor eingesetzt. Stand der Forschung ist, dass Checkpoint-Inhibitoren einige Monate benötigen, um wirksam zu werden. Wenn die Therapie erfolgreich ist, kann die Wirkung anhaltend sein.